In diesem Jahr schließt sich das Kapitel der Geschichte von Heimerziehung in Sigrön endgültig. Bereits im September 2022 hatte die Geschäftsleitung der GFB entschieden, das Kinder- und Jugenddorf Sigrön zu schließen und den Standort in der Westprignitz zu verlassen.
Bereits seit 1948 lebten Kinder im Schloß Sigrön. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren tausende Kinder im Osten Deutschlands elternlos geworden, weil ihre Eltern den Krieg nicht überlebt hatten oder sie sie in den Wirren des Kriegsendes verloren hatten. So entstanden zahlreiche Kinderheime bis Ende der 1940er Jahre, die oft in enteigneten Schlössern und Gutshöfen gegründet worden waren. In den 1950er Jahren veränderte sich der Charakter dieser Kinderheime. Wo es zunächst um die Versorgung von heimat- und elternlose gewordenen Kindern und ihre Beschulung ging, wurde die DDR-Jugendhilfe nun sukzessive ein Instrument des Staates zur Disziplinierung von jungen Menschen und auch ihren Familien.
Aus dem Landeskinderheim „Waldwinkel“ wurde das Spezialkinderheim Sigrön, in dem ausschließlich Jungen untergebracht wurden. Zeitzeugen berichten von teils haftähnlichen und repressiven Bedingungen in Sigrön: In den ersten Wochen nach der Aufnahme mussten Kinder eine Art Uniform tragen, es gab vielfältige Bestrafungen bei angeblichen Fehlverhalten, die von Strafarbeiten über körperliche Gewalt bis zu Arrest in einer Besenkammer und später einer Arrestzelle reichten. Kinder gingen in Sigrön in eine eigene Heimschule, die aber nur bis zur 9. Klasse reichte und mussten selbst Lebensmittel zur Versorgung anbauen und auch sonst teils schwere körperliche Arbeiten verrichten. Freizeit im eigentlichen Sinne gab es nicht, weil der Tag vollständig durchgeplant wurde. Ende der 1980er Jahre lebten ca. 85 Jungen in Sigrön auf engem Raum.
Die Gründe, warum junge Menschen im „Spezialkinderheim für Schwererziehbare“ untergebracht wurden sind unterschiedlich und heute mitunter nur schwer nachzuvollziehen. Der Zeitzeuge Rainer Buchwald berichtete beispielsweise, dass den DDR-Behörden seine Erziehung durch seine Großeltern (bei denen er lebte) zu „liberal“ erschien. Buchwald lebte von 1962 bis 1965 in Sigrön.
Mit dem Ende der DDR wurde die DDR-Heimerziehung reformiert und das Sozialgesetzbuch VIII trat mit der Wiedervereinigung in den fünf ostdeutschen Ländern unmittelbar in Kraft. Als „Kinder- und Jugenddorf Sigrön“ kam die Einrichtung in den Bestand der GFB und entwickelte neue Angebote, darunter auch Angebote in der nahen Stadt Wittenberge. Anstelle der Unterbringung im Schloss Sigrön, wurde das frühere Schulgebäude umgebaut und beherbergte bis 2022 die Wohngruppe „Schwäne“. Während in den Nachkriegsjahren vor allem schnell verfügbare Liegenschaften gesucht wurden und später die DDR-Jugendhilfe bewusst Heime weit außerhalb der Zentren betrieb, ist dies heute kaum noch zeitgemäß. Aber wo sich Türen schließen, öffnen sich auch neue: 2025 hat die GFB mit den neuen Angeboten „Elbspot“ im nahen Wittenberge die Präsenz in der Prignitz wieder verstärkt.
Norbert Müller
Referent für Jugendhilfe & Öffentlichkeitsarbeit


